Leben auf dem Bauernhof

Wie ist das eigentlich, wenn man morgens das Eis zerschlagen muss, um sich am Brunnen des Hofes das Gesicht zu waschen? Wir werden es hier nicht erfahren. Es gibt warmes Wasser aus der Gastherme. Und auch alle anderen Annehmlichkeiten des Stadtlebens (Spülmaschine, WLAN, Kühlschrank) sind in Sulzbach Laufen angekommen. Dennoch fühlt sich das Leben hier sehr ländlich an. Die Straße ist einspurig, wir heizen mit Holz, auf der Weide tummeln sich die Tiere des Hofes und das Internet ist laaangsam.

Bei leichten Minusgraden und strahlendem Sonnenschein unternahmen wir unseren ersten, sehr schönen Spaziergang. Von Weiler ging es nach Krasberg, weiter nach Schneckenburg und durch die Schlucht des Großen Wimbachs zurück zu unserem Ferienhaus.

Sellin und der Froschkönig an der Hagenschen Wiek

Das Seebad Sellin wartet mit der schönsten Seebrücke auf. Man geht über viele Holztufen die „Himmelstreppe“ hinunter und stößt in der Mitte des Steeges auf den Palmengarten, ein etwas überteuertes Restaurant. Danach geht es auf das Meer hinaus zu einer Taucherglocke, mit der man sich bis auf den Grund abseilen lassen kann. Bereits zwei Mal wurde die schöne Holz-Seebrücke durch Eis zum Einstürzen gebracht. Heute hat sie zwar Stahlpfosten, sieht aber an einigen Stellen weiterhin nicht vollständig vertrauenserweckend aus.

Hungrig von der Meerluft gönnt sich Kerstin eine geräucherte Makrele im Brötchen bevor wir den Hagenschen Wiek spazierend erkunden, eine wild bewachsene Dünenbucht bei Middelburg. Wie gut, dass sich – nicht ganz zufällig – in der Nähe das Café Froschkönig mit den angeblich besten Kuchen von Rügen befindet. Der Heidelbeer-Käsebuchen mit Limettenhaube war ein Traum.

Kraft durch Freude: der Koloss von Rügen

Zwischen den eleganten Ostseebädern Sassnitz und Binz ragt an einem schönen weitläufigen Sandstrand mit Kiefernwald-Dünen ein Bauwerk empor, das den Größenwahn der Nationalsozialisten eindrücklich erfahrbar macht: Der 4,5 km lange, sechsgeschossige Betonkoloss, der 1936  von der Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“ zur größten Ferienanlage für deutsche Arbeiter erbaut werden sollte – so zumindest die Propaganda. 20.000 Deutsche sollten hier erholsame Tage verbringen, jedes Zimmer mit Meerblick. Das größte Seebad galt als Prototyp, vier weitere u.a. am Timmerndorfer Strand und in Ostpreußen sollten angeblich folgen. Doch Erholung fand hier nie statt (und war möglicherweise von Hitler auch nie dafür vorgesehen).

Am 01.09.1939 wurden die Bauarbeiten abrupt eingestellt und Arbeiter wie Baugeräte für den Kriegseinsatz abgezogen. Während des Krieges wurden die Rohbauten von Zwangsarbeitern mit Dächern versehen und notdürftig ausgebaut. Die vier gigantischen Komplexe dienten Flüchtlingen und Vertriebenen als trostlose Bleibe, wurden als Lazarett und ab 1950 für militärische Zwecke der Roten Armee und der Nationalen Volksarmee genutzt. Dann verfiel der monströse Fremdkörper und wurde punktuell ausgeweidet, um Baumaterial zu gewinnen. In der Mitte, wo das 400.000 Quadratmeter große Festplateau entstehen sollte, klafft eine leere, seltsam unbewachsene Fläche bis zum Meer, die sich an einem einzelnen Betonwall, der ins Wasser ragt, festzuhalten scheint. Eine traurige Ruine, die vor dem vergangenen Wahnsinn warnt.

Heute bietet der Koloss von Rügen einer Diskothek (Miami 3!), einer Jugendherrberge und dem Dokumentationszentrum Prora sowie einigen anderen, eher unattraktiven Geschichts-Museen Unterschlupf. Land und Bund ziehen sich aus der Verantwortung, indem sie vier der fünf nutzbaren Blöcke a 550m Länge an Immobilienspekulanten verkauft haben, die sie zu Wohnungen und Hotels umbauen möchten – alle mit Meerblick.

Wir haben uns das Dokumenttionszentrum angesehen und sind an den riesigen Betonblöcken vorbeispaziert, einmal von der Landseite aus, dann nochmal am Strand entlang, wo wir auf den Betonwall gestoßen sind. Was für ein Kontrast zu der Mentalität, die die mondänen Seebäder um die vorherige Jahrhundertwende geprägt haben.

Kap Arkona und das Fischerdörfchen Vill

Die einzige Autofähre auf Rügen, die Wittower Fähre, bringt uns nach nur 350m Wasserweg in den nördlichsten Teil der Insel. Unser Ziel ist Kap Arkona, neben dem Königsstuhl das zweite Wahrzeichen auf Rügen. Ganz im Norden, im „Windland Wittow“,  brechen sich die Wellen an der Kreide-Steilküste, die gleich mit zwei Leuchttürmen (ein historischer und einer in Benutzung) aufwartet.

Wir machen einen kleinen Spaziergang auf dem Höhenweg bis zum nördlichsten Punkt, bewundern die Adlerschnitzereien und entdecken einen zugewachsenen kleinen Weg, der nah an den Klippen zum Ausgangspunkt zurück führt. Hier haben wir eine tolle Aussicht an den Kreidefelden hinunter auf die Brandung. Als wir wieder bei den Leuchttürmen ankommen, bemerken wir, das der Weg geschlossen war: Schilder mit Hinweisen auf Lebensgefahr warnen vor der Nutzung (leider oder für uns glücklicherweise waren sie nur an einem Ende des Weges angebracht). Insgesamt ist das Naturschauspiel wild und schön, aber die Vernachlässigung des Geländes macht etwas traurig (kein Geld in der Gemeindekasse?). Privatanleger dagegen haben den Kapitalismus durchschaut und lassen sich Parkplätze, Toilettengänge und Zubringerfahrten gut bezahlen.

Von Kap Arkona gehen wir direkt am Meer entlang etwa einen Kilometer bis zum Fischerdörfchen Vill. Hier wohnen 19 Leute in 13 Fischerkaten. Früher hatte die Gaststätte immer so viele Stühle wie es Bewohner gab. Heute sind es mehr geworden, um den Touristen gerecht zu werden. Bewahrt haben sich die Viller aber ihren traditionellen Beruf: Gefischt wird hier nach wie vor, was man an den gebrauchtsfertigen Booten im kleinen Hafen gut erkennen kann.

 

Die legendäre „Eierschänke“ der DDR

Sowohl unser Gastgeber, als auch der Reiseführer haben ihn empfohlen, den Gasthof Schillings in Schaprode. Bevor die junge Familie von Schillings das Restaurant von einigen Jahren übernahm, hieß es Gasthof Keil und war eine DDR-Institution: Hier kehrte ein, wer Rang und Namen hatte und sich die Wartezeit auf die Fähre nach Hiddensee verkürzen wollte. In der gemütlichen Gaststube gab es Bier und Kaffee – und Spiegelei mit oder ohne Speck. Arno Keil, das Inseloriginal, offerierte nur diese eine Speise.

Heute ist die Auswahl deutlich größer, alles Bio und aus der Region. Neben Hiddensee-Fisch ist die Spezialität das Fleisch der von Schillings selbst gehüteten Salzrinder auf der sich im Familienbesitz befindlichen Mini-Nachbarinsel Öhe. Christof hat es probiert, wurde aber leider enttäuscht: ziemlich zäh, die glücklichen Salzrinder. Dorsch und Zander auf meinem Teller waren dafür frisch und lecker.

 

Rügens Rimini: Seebad Binz

Die Königin der Seebäder auf Rügen ist Binz, das „Nizza des Nordens“. Der clevere Fürst Malte von Putbus ließ 1830 die ersten Badekarren am flachen Badestrand des Städchens aufstellen, die begeistert angenommen wurden. Noch ein paar Jahrzehnte dauerte es, aber dann stiegen die Besucherrzahlen sprunghaft an: 1890 kamen 3.300 Gäste, 1900 schon 10.000 und heute sind es etwa 2,3 Mio Besucher, die Binz jährlich beherbergt. Analog fand der Wandel vom mondänen Seebad zum Familienurlaubsort statt, den manche nicht sonderlich begrüßten, z.B. Erich Kästner:

Freigelassene Bäuche und Popos
Stehen und liegen Kreuz und quer im Sande.
Dicke Tanten senken die Trikots
Und sehen aus wie Quallen auf dem Lande

(Auszug aus „Selbstmord im Familienbad“)

Trotzdem erkennt man den Charme des noblen Kurorts noch an der Architektur der vorherigen Jahrhundertwende: An der Hauptstraße und der langen Promenade reihen sich filigran geschnitzte Holzfassaden mit Wintergärten, Türmchen und Erkern aneinander. Heute zumeist Hotels oder Ferienwohnungen. Wir sind die hölzerne Seebrücke ins Meer gelaufen, haben uns die berühmte Promenade von Rügens Rimini angesehen – die wirklich schön gemacht ist, weil gut in die Natur integriert und mit angenehmen Cafés, dezenten kleinen Läden und selbstgemachtem Eis (sogar Mitte Oktober!) – und sind am scheinbar unendlich weiten Strand entlanggelaufen. Natürlich ist in der Nebensaison weit weniger los und ein bisschen fehlt es an Flair, z.B. rund um das herrschaftliche Kurhaus, aber trotzdem was es die bislang schönste Stadt auf Rügen.

Hiddensee – autofreies Inselparadies zu DDR-Zeiten

Wer auf Hiddensee Urlaub machen konnte, hatte es geschafft, damals. Heute ist die langgestreckte, autofreie Insel im Westen von Rügen immernoch ein Naturparadies mit sauberem Sandstrand, blühenden Dornbusch-Wäldern und schnuckeliegn Reetdachhäusern. Etwa 1.300 Menschen leben auf dem „süßen Ländchen“, wie es in vielen Gedichten von bezauberten Literaten und Künstlern, u.a. Gerhard Hauptmann, genannt wird. Die Fortbewegungsmittel der Wahl sind Pferdekutschen und Drahtesel – wir haben das 17km lange Inselchen aber per Pedes erkundet, was dank des gut ausgebauten Wanderwegenetzes bestens möglich ist. Nachdem wir mit der Fähre von Schaprode auf dem Rügener „Festland“ in das ursprünglichste Dörfchen Neuendorf/Plogshagen übergesetzt haben, sind wir südlich am Strand bis zum Leuchtturm „Luchte“ gewandert und zurück an schönem Schilfgehölz.

Da es fast schon das Ende der Nebensaison ist, waren wenige andere Touristen unterwegs. Dafür haben wir umso mehr freundliche Vierbeiner angetroffen.

Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund

Im Nationalpark Jasmund kann man sehr schön spazieren gehen. Der Herbstwald mit seinen schönen Waldseen läd immer wieder zu kleinen Pausen ein. Schon nach wenigen Kilometern des gut ausgeschilderten und lebhaft bepilgerten Waldwegs wird man mit einem Blick auf die Kalksteinfelsen belohnt. Während der kalte Seewind ins Gesicht bläst, rauschen die Herbstbäume und wiegen sich im Wind. Eine tolle Bühne für die Kreidefelsen. Auch im inneren der Insel finden sich die Kalksteinvorkommen wieder. Der feine Kalkstein wird sogar abgebaut und zu Kreide verarbeitet.

So sah Casper David Friedrich die Kreisefelsen am Königstuhl vor etwa 200 Jahren (1818):